Natürliche Bienenhaltung

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Darwinistische Bienenhaltung –
Ein evolutionärer Ansatz für die Imkerei

Teil 1

“Darwinian Beekeeping”, Tom Seeley, American Bee Journal, März 2017
Das Originaltext findet sich im Internet auf der Seite des Natural Beekeeping Trust: https://www.naturalbeekeepingtrust.org/darwinian-beekeeping

Übersetzung aus dem Englischen: Harald Rausch

Evolution durch natürliche Auslese ist ein grundlegendes Konzept für das Verständnis der Biologie von Honigbienen, aber dies wurde selten genutzt, um Einsichten in die Fertigkeiten der Bienenhaltung zu erhalten. Das ist bedauerlich, denn Lösungen für die Probleme der Bienenhaltung und der Bienengesundheit könnten schneller gefunden werden, wenn wir uns auf die Erkenntnisse des Biologen Charles R. Darwin wie auf den Pfarrer Lorenzo L. Langstroth beziehen würden.

Die Anwendung einer evolutionären Sichtweise auf die Bienenhaltung kann zu einem besseren Verständnis der Krankheiten unserer Bienen führen und letztendlich unsere Bienenhaltung und Freude, die wir an unseren Bienen haben, verbessern. Ein wichtiger erster Schritt zur Entwicklung einer darwinistischen Sichtweise auf die Bienenhaltung ist die Erkenntnis, dass Honigbienen eine erstaunlich lange Evolutionsgeschichte haben, wie Fossilienfunde belegen. Eines der schönsten Insektenfossilien ist das einer Arbeiterhonigbiene der Art Apis henshawi, die in 30 Millionen Jahre alten Schiefgestein aus Deutschland entdeckt wurde. Es gibt auch hervorragende Fossilien unserer modernen Honigbienenart, Apis mellifera, in bernsteinähnlichen Materialien, die in Ostafrika gesammelt wurden und etwa 1,6 Millionen Jahre alt sind.

Wir wissen daher, dass Honigbienenvölker Millionen von Jahren durch den unerbittlichen Vorgang natürlicher Selektion geformt wurden. Natürliche Selektion maximiert die Fähigkeit lebender Systeme (wie Honigbienenvölker), ihre Gene an zukünftige Generationen weiterzugeben. Bienenvölker unterscheiden sich in ihren Genen, und daher unterscheiden sich die Völker in allen Merkmalen, die eine genetische Grundlage haben, wie das Verteidigungsverhalten, den Sammeltrieb und der Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheiten. Die Völker, die am besten mit Genen ausgestattet sind, die das Überleben und die Fortpflanzung der Völker an ihrem Standort fördern, haben den größten Erfolg bei der Weitergabe ihrer Gene an nachfolgende Generationen, so dass sich die Völker einer Region im Laufe der Zeit gut an ihre Umgebung anpassen.

Dieser Anpassungsprozess durch natürliche Selektion bewirkt Unterschiede in der Farbe, Morphologie und dem Verhalten der Arbeiterinnen, die die 27 Unterarten von Apis mellifera (z. B.. A. m. mellifera, A. m. ligustica und A. m. scutellata) unterscheiden, die im ursprünglichen Verbreitungsgebiet der Art in Europa, Westasien und Afrika leben (Ruttner 1988). Die Völker der einzelnen Unterarten sind genau auf das Klima, die Jahreszeiten, die Flora, die Raubtiere und die Krankheiten in ihrer Region abgestimmt.

Darüber hinaus erzeugt die natürliche Selektion innerhalb der geografischen Reichweite jeder Unterart Ökotypen, die fein abgestimmte, lokal angepasste Populationen sind. So entwickelte sich beispielsweise ein Ökotyp der Unterart Apis mellifera mellifera in der Region Landes im Südwesten Frankreichs, die biologisch stark angepasst ist mit der im August und September massiv auftretenden Heideblüte (Calluna vulgaris L.). Die in dieser Region heimischen Völker haben im August einen zweiten starken Gipfel der Brutaufzucht, der ihnen hilft, diese Heideblüte zu nutzen. Experimente haben gezeigt, dass dieser seltsame jährliche Brutzyklus der Völker in der Region Landes eine durch die Umwelt geformte, genetisch bedingte Eigenschaft ist.

Der moderne Mensch (Homo sapiens) ist im Vergleich zu Honigbienen eine evolutionäre Neuerung. Wir sind vor rund 150.000 Jahren in den afrikanischen Savannen entstanden, in denen Honigbienen schon seit unzähligen Generationen leben. Die frühesten Menschen waren Jäger und Sammler, die Honigbienen jagten, um das köstlichste aller natürlichen Nahrungsmittel, den Honig, zu ernten. Wir sehen dies bei einem noch existierenden Jäger-Sammler-Volk, den Hadza in Nordtansania. Hadza-Männer verbringen täglich 4 bis 5 Stunden mit der Bienenjagd, und Honig ist ihr bevorzugtes Lebensmittel (Marlowe et al. 2014).

Die Bienenjagd wurde vor 10.000 Jahren durch die Bienenhaltung abgelöst, als Menschen in verschiedenen Kulturen mit der Landwirtschaft begannen und anfingen, Pflanzen und Tiere zu domestizieren. Zwei Regionen, in denen diese Transformation in der Geschichte der Menschheit stattgefunden hat, sind die Schwemmebenen von Mesopotamien und das Nildelta. An beiden Orten wurde eine sehr frühe Bienenhaltung in Bienenstöcken von Archäologen dokumentiert. Beide liegen im ursprünglichen Verbreitungsgebiet von Apis mellifera und beide stellen offene Habitate dar, in denen Schwärme, die einen Nistplatz suchten, wahrscheinlich Schwierigkeiten hatten, natürliche Hohlräume zu finden, und die Tontöpfe und Weidekörbe der frühen Landwirte besiedelten (Crane 1999).

Im ägyptischen Sonnentempel des Königs Ne-user-re in Abu Ghorab befindet sich ein steinernes Flachrelief, das etwa 4400 Jahre alt ist, und einen Imker zeigt, der neben einem Stapel von neun zylindrischen Lehmbeuten kniet. Dies ist der früheste Hinweis auf eine Bienenhaltung in Beuten und markiert den Beginn unserer Suche nach einem optimalen System der Bienenhaltung. Es zeigt darüber hinaus den Beginn von bewirtschafteten Völkern, die unter Bedingungen leben, die sich deutlich von der Umgebung unterscheiden, in der sie sich entwickelt haben und an die sie angepasst wurden. Man beachte zum Beispiel, wie die Völker in den Bienenstöcken, die im ägyptischen Flachrelief abgebildet sind, zusammengepfercht sind und nicht weit über das Land verteilt lebten.

Darwinistische Bienenhaltung

Teil 1: Ein evolutionärer Ansatz für die Imkerei

Teil 2: Wilde und bewirtschaftete Völker leben unter verschiedenen Bedingungen

Teil 3: 20 Beispiele

Teil 4: Vorschläge für eine darwinistische Bienenhaltung

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